Geschichte der Johanniskirche

von Gernot Frankhäuser

 Die Anfänge
blaDie erste schriftliche Nachricht von einer Johanniskirche in Mainz ist zugleich eine der ältesten überhaupt, die von einer Mainzer Kirche erhalten ist. Es sind einige Zeilen aus einem Gedicht des aus Gallien stammenden Venantius Fortunatus:

ARDUA SACRATI BAPTISMATIS AULA CORUSCAT
Hochaufragend glänzt die Halle der Heiligen Taufe

HANC TAMEN ANTISTES SIDONIUS EXTULIT ARCEM
Dieses Gebäude hat der Hohepriester (Bischof) Sidonius erbaut (verschönert/erneuert),

QUI DOMINI CULTUM TEMPLA NOVANDO FOVET
der die Verehrung Gottes förderte durch Renovierung von Kirchen.

STRUXIT BERTHOARAE VOTO CONPLENTE SACERDOS
Der Priester baute und erfüllte so das Gelübde der Berthoara,

QUAE DECUS ECCLESIAE CORDIS AMORE PLACET
die, eine Zierde der Kirche, durch Herzensliebe gefällt.

FILIA DIGNA PATRI TE THEUDEBERCHE REFORMANS
Würdige Tochter des Vaters, Erneuerer Theudebert.

Diese Angaben beziehen sich auf das zweite Viertel des sechsten Jahrhunderts, als Mainz zum Herrschaftsgebiet des fränkischen Königs Theudebert II. gehörte. Prinzessin Berthoara machte offenbar eine Schenkung, die es Bischof Sidonius erlaubte, eine Taufkirche, die natürlich dem Täufer Christi, Johannes, geweiht war, zu erneuern oder gänzlich neu zu bauen. Wie diese aussah wissen wir nicht, selbst ihre Lage kennen wir nicht genau; da aber unsere Johanniskirche ihren Namen im elften Jahrhundert bekam - zuvor war sie die Domkirche St.Martin - wird sie in ihrer Nähe zu suchen sein.



 Korinthisches Kapitell
Als beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg archäologische Grabungen vorgenommen wurden, stieß man auf insgesamt sieben ältere Fußböden unter dem jetzigen, die untersten stammen aus römischer Zeit. Eine genaue Untersuchung aufgrund umfangreicherer Grabungen gibt es bis heute nicht. Gelegentlich gibt es aber Zufallsfunde.

Ende des 19.Jahrhunderts wurde bei St.Johannis ein Kapitell gefunden, von dem nicht zu sagen ist, wozu es ursprünglich gehörte - stammt es aus der Spätantike oder aus dem Mittelalter? Krönte es die Säule eines Tempels, einer Kirche oder eines Palastes? Ähnlich wie das lateinische Gedicht des Venantius Fortunatus kann es uns als anschauliches Bindeglied zwischen den Epochen dienen: "klassische", antike römische Errungenschaften wie Dichtung und Architektur wurden von den Menschen des frühen Mittelalters für ihre eigene Kultur und Religion verwendet und ihr anverwandelt.



 Schrankenplatte
Die ältesten Teile der heutigen Johanniskirche stammen aus dem frühen zehnten Jahrhundert. Wie der Vorgängerbau oder die -bauten aussahen ist, wie gesagt, nicht bekannt. Daß es sich aber schon um die Kathedrale des Erzbistums Mainz gehandelt haben muß, kann ernsthaft nicht mehr bestritten werden. Dafür gibt es jedoch nicht den einen Beweis, sondern Indizien, die erst im Zusammenschluß beweiskräftig sind; diese werden auf den folgenden Seiten aufgeführt.

Bei den Bauarbeiten von 1908 wurden zwei äußerst bemerkenswerte Funde gemacht: quadratische Steinplatten, die nur auf einer Seite ein flache Reliefs aufweisen, "Flechtbandornamente". Vergleichbare Stücke stammen nicht aus der Antike, sondern sind erst seit der Völkerwanderungszeit bekannt. In Italien ist diese Art der Ornamentierung weit verbreitet, nördlich der Alpen aber selten. Wahrscheinlich dienten die Platten als Teile einer Altarbegrenzung, denn die Kirchen in jener Zeit hatten noch nicht mehrere Altäre.

Das genaue Alter der Mainzer Stücke (eines ist nur als Photographie erhalten) muß auch hier Spekulation bleiben; sicher entstanden sie vor der Jahrtausendwende, wahrscheinlich noch vor dem Neubau von 910.

 Bonifaz
Nach dem Martyrium des Hl.Bonifatius wurde sein Leichnam, seinem Wunsche gemäß, in Fulda bestattet. In Mainz, von wo aus er als der erste Erzbischof nördlich der Alpen zahlreiche Bistümer neugegründet und das kirchliche Wesen eng an Rom gebunden hatte, ließ man es sich nicht nehmen, auch ein Grab für ihn zu errichten. Die Nachrichten über dessen Ort sind verwirrend. Seit dem 14.Jahrhundert befand sich das Grab aufjeden Fall in der Johanniskirche, wahrscheinlich in einer Kapelle, nordöstlich an die Kirche angebaut, aus der die gotische Grabplatte stammt, die 1837 an den Dom übereignet wurde. Das symbolische Grab enthielt als Reliquien die Eingeweide des Heiligen und das Wasser, mit dem seine Leiche gewaschen worden war.

Einer der bedeutenden Nachfolger Bonifatius' in Mainz war Hrabanus Maurus, der für seine Mainzer Bischofskirche verschiedene Inschriften verfasste, unter anderem für das Grab des Bonifatius.

 Martin
Der Patron der Mainzer Bischofskirche zu Zeiten des Sidonius, des Bonifatius und des Hrabanus Maurus war der Hlg. Martin, im zehnten Jahrhundert wird das noch einmal ausdrücklich erwähnt. Als Weihetag der Johanniskirche wurde nie das Fest des Täufers am 24.Juni angesehen, sondern der Martinstag. Das Domkapitel hielt noch in nachmittelalterlicher Zeit alljährlich einen feierlichen Gottesdienst am 11.November in St.Johannis.

Schon im 12.Jahrhundert soll die Bezeichnung "Aldedum" für die Johanniskirche volkstümlich gewesen sein. 1036 wurde der "neue" Dom geweiht und erhielt folgerichtig St.Martin als Patron. Der alte Martinsdom wurde zur Stiftskirche; Stiftskapitel (ein Kollegium von Geistlichen) und Kirche erhielten den Namen St. Johannis, nach der alten Taufkirche, die ihre Funktion längst verloren hatte und vielleicht schon nicht mehr bestand.


 Hatto
Als der Reichenauer Abt Hatto Erzbischof von Mainz wurde, konnte er reiche Erfahrung als Bauherr mitbringen. Diese nutzte er auch um, wie es heißt "den Mainzer Tempel in edler Art" neu zu bauen. Die Kirche St.Georg zu Oberzell auf der Insel Reichenau im Bodensee, die Hatto vor dem Jahre 900 errichten ließ, ist noch gut erhalten und ihr ursprüngliches Aussehen ist leicht zu erschließen.

In Mainz (und nur dort) gibt - und gab - es nur einen Bau, der dem auf der Reichenau in vielem gleicht, zu dem eine Weiterentwicklung in architektonischer Hinsicht gemacht hat: St.Johannis, 910 geweiht als Domkirche St.Martin. Nach den raren erhaltenen karolingischen Bauten und vor den großen, bis heute existierenden Kirchen, die um 1000 gebaut wurden, ist die Johanniskirche eine der ganz wenigen noch bestehenden Architekturen jener Zeit, ja das einzige überlebende Beispiel einer Kathedrale aus spätkarolingischer/frühottonischer Zeit in Deutschland.

 Der alte Dom
Die unter Hatto errichtete Domkirche ist eine Basilika, ein Gebäudetypus, der seit der Spätantike für Kirchen bevorzugt wird: ein langgestreckter, "kastenartiger" Raum, der aber durch einige weitere angefügte Bauteile erweitert und bereichert werden kann.

Der Bau ist, entsprechend christlicher Tradition, auf einer West-Ostachse angelegt; das Hauptschiff (=Langhaus) wird im Norden und Süden von niedrigeren Seitenschiffen begleitet. Darüber,also in der Langhauswand, dem Obergaden, öffnen sich vier Rundbogenfenster. Der liturgische Hauptraum ist nach Osten ausgerichtet. In Höhe und Breite schließt er an das Langhaus an, hat aber keine Seitenschiffe: die Wände dieses Hauptchors sind von großen Fenstern durchbrochen, über den Rundbogenfenstern sitzt jeweils eine kreisrunde Öffnung, ein Okulus, eine einzigartige Fenstergruppierung. Nach Osten wird der Hauptchor durch eine Apsis über halbkreisförmigen Grundriss abgeschlossen.

Im Westen des Langhauses schließt ein weiterer, monumentaler Baukörper an: ein Querhaus, eben so hoch und breit wie das Hauptschiff. Schließlich gibt es im Westen einen weiteren liturgischen Raum, wiederum eine halbrunde Apsis. Nördlich der Kirche liegt der Kreuzgang, über dessen genaues Aussehen aber wenig bekannt ist.


 Das Innere des alten Doms
Die Zugänge zur Kirche von Außen, für die Besucher, liegen wohl im Querhaus, die Geistlichen haben weitere, direkte Verbindungen von ihren Wohn- und Arbeitsräumen. Das Innere der Kirche mag dem Eintretenden wie eine Reihung von Einzelräumen erscheinen: Die Mitte des Querhauses, die Vierung, öffnet sich über einem Quadrat von 13x13 Metern mit vier weiten Bögen von 14 Metern Höhe zu den Seitenarmen des Querhauses, der Westapsis und natürlich zum Langhaus. Von Innen aus gesehen, scheint es eher kurz zu sein: es hat die gleichen Maße wie die Vierung. Im Osten führt wiederum ein monumentaler Bogen in den Hauptchor, während Nord- und Südwand von kleinen Bögen durchbrochen werden. Jeweils vier dieser Arkaden auf rechteckigen Pfeilern bilden die Verbindung zu den Seitenschiffen; darüber, genau axial, sitzen die Obergadenfenster. Der Hauptchor erhält durch seine großen Fenster das meiste Tageslicht; er leitet wiederum mit einem großen Bogen zur Ostapsis, über deren genaue Gestaltung nichts bekannt ist.

Ebenso ungewiss sind heute die anderen Elemente, die das Erscheinungsbild der Kathedrale damals mitprägen: Sind die Fenster mit dünnen, durchscheinenden Steinplatten geschlossen oder mit Glas? Ist dieses farbig, zeigt es Figuren? Sind die Wände bemalt, gibt es anderen Bildschmuck? Wie sehen die beiden Altäre in den Apsiden aus?

Das Material, aus dem die Kirche besteht, ist jedenfalls ein kleinteiliger Bruchstein, der eine unregelmäßige Oberfläche bildet; auf dem glättenden Verputz hell, wahrscheinlich weiß gestrichen. Nur wenige Teile sind sorgfältig aus rotem Sandstein gehauen, wie einige Fensterrahmungen oder die Kämpfer, die Platten auf den Pfeilern der Arkaden. Das Mauerwerk endet in über 16 Metern Höhe und ist mit einem hölzernen Dachstuhl bedeckt, der in den Raum hinein wahrscheinlich sichtbar bleibt. Steinerne Gewölbe gibt es nur über den Apsiden.

Über eine Krypta ist nichts bekannt. Die Fundamentierung benutzt zum Teil ältere Mauern und ist übrigens so flach, daß sie später immer wieder zu statischen Problemen führt.


 König Heinrich
Die beiden Chorräume mit je einem Altar hatten möglicherweise unterschiedliche Funktionen und Benutzer: Der Hauptaltar war im Osten (nicht, wie später im Willigisdom im Westen) und war den liturgischen Handlungen des Erzbischofs und der anderen Kleriker vorbehalten; der Westchor könnte wie später der Ostchor des Willigisdoms als Pfarrchor für die städtische Bürgerschaft gedient haben.

Exaktere Hinweise auf die Nutzung des Hattobaus als Kathedrale gibt aus es der Zeit des Domneubaus (an neuer, bis dahin wohl unbebauter Stelle im Osten des alten Doms).

Im Jahre 1002 wurde König Heinrich II. in Mainz gekrönt, durch Erzbischof Willigis, vor dem Hochaltar des Hlg.Martin. Dieser Altar kann nur im Martinsdom gestanden haben; der Neubau des Willigis war aber - sicher zu dessen Bedauern - noch nicht fertig, er konnte erst 1009 geweiht werden. Die Krönung mußte also im alten Dom vollzogen werden.

1021 wurde Erzbischof Erkenbold im alten Dom beigesetzt, wahrscheinlich weil der neue nach dem Brand am Tag seiner Einweihung wiederum im Bau war und erst 1036 endgültig geweiht werden konnte.


 Das Stift St. Johannis
Seitdem 1036 der neue Dom der Bauherren Willigis und Bardo vorerst fertig gestellt werden konnte, steht der alte buchstäblich in dessen Schatten. In den nur 100 Jahren nach Hatto hatten sich die bautechnischen Möglichkeiten sowie die Ansprüche an Repräsentation und ästhetische Ausdrucksfähigkeit bedeutend entwickelt. Die Mittelschiffbreite beider Bauten ist noch gleich, aber alle anderen Maße werden unter Willigis weit übertroffen; auch außerhalb von Mainz, wie etwa in Speyer, wurden inzwischen ganz andere Maßstäbe gesetzt.

Das Domkapitel und der Patron St.Martin wechselten natürlich in die neuen Baulichkeiten; in den alten wurde ein neues Kanonikerstift eingerichtet, das ebenso wie die Kirche Johannes den Täufer als Patron und Namensgeber erhielt. Entweder war die alte Taufkirche bereits in den Hattobau integriert worden oder wurde spätestens jetzt aufgegeben; auch von einer Marienkapelle in der Nähe der Mainzer Kathedrale berichtet schon Hrabanus Maurus.

Die zahlreichen kriegerischen Ereignisse und politischen Umwälzungen des zweiten christlichen Jahrtausends wie auch Ignoranz und Sorglosigkeit haben insbesondere in Mainz viele historische Urkunden und andere Informationen vernichtet. Die meisten dieser historischen Quellen über St.Johannis werden heute außerhalb von Mainz verwahrt.

Für das von Erzbischof Bardo gegründete Stift war nach den aufwendigen Bauprojekten nicht mehr viel Geld übrig. Die Stiftsherren, Geistliche, die gleichzeitig auch noch Mitglieder in anderen Stiften sein konnten, hatten zwar gewisse Verpflichtungen, aber sie waren weder Mönche mit einer strengen Ordensregel, noch hatten sie eine nennenswerte Pfarrgemeinde zu betreuen. Ein Großteil ihrer Zeit wurde für Verwaltungsaufgaben, juristische Tätigkeiten und die Sorge um ihre materielle Grundlage verwandt. Ein weit verstreuter Grundbesitz, den sie ja nicht selbst bewirtschaften konnten, war zu überwachen, um entweder Geld oder Naturalien daraus zu beziehen.

 In gotischer Zeit
Die unsichere Fundamentierung des Hatto-Baus hat die folgenden Jahrhunderte immer wieder beschäftigt, umso erstaunlicher scheint, daß die alte Kirche nicht durch eine neue ersetzt wird. Noch in romanischer Zeit werden die Querhausarme abgetragen, seitdem hat die Kirche von außen das Aussehen einer einfachen Basilika mit Seitenschiffen.

Im 13.Jahrhundert gibt es dann aber doch Bestrebungen, die Kirche von Grund auf neuzubauen. Das Geld dafür erhofft man sich von Ablässen: gegen Spenden werden den Gebern Sünden "gelöscht". Papst Gregor IX. bestätigte dieses weit verbreitete Verfahren auch für die Stiftsherren von St.Johannis, "da eure Kirche, von der man sagt, sie sei in Mainz als erste gebaut worden, wegen ihres hohen Alters droht, zusammenzubrechen". Erst 100 Jahre später wird der Neubau in Angriff genommen.

Man beginnt im Westen; so kann der Ostteil auch während der Arbeiten weiterhin genutzt werden werden. Anstelle der Westapsis, über ihre Fundamente weit hinausgehend, wird auf rechteckigem Grundriß ein neuer Chor aufgeführt, an die 20 Meter hoch. Dieser neue Raum wird von einem vierteiligen Rippengewölbe überfangen; seine großen Fenster haben Maßwerkformen, wie sie in dieser Zeit, dem zweiten Viertel des 14.Jahrhunderts, üblich sind. Äußerlich hat der gotische Chor einen turmartigen Charakter, betont durch ein steiles Satteldach und einen bekrönenden Dachreiter für die Glocken.


 Geistliches Leben
Mit diesen Aktivitäten waren die finanziellen Mittel oder die Baulust der Stiftsherren offenbar erschöpft. Weitere Maßnahmen beschränkten sich auf Reparaturen und Ausstattungsstücke. Von den inzwischen zahlreich gewordenen Altären gibt es nur schriftliche Nachrichten; die Stiftsherren hatten immerhin so viel Geld, daß sie andere Geistliche anstellen konnten, die für sie die Messen lasen und die Seelsorge verrichteten. Lediglich die Aktivitäten der ranghöchsten Kapitelmitglieder sind belegt, die des Dekans oder des Kantors, der weniger die Kirchenmusik, als liturgische Belange im allgemeinen überwachte.

Weitere Einkünfte gewährten die Grablegen von Bürgern, die nicht nur den Bestattungsplatz bezahlten, sondern auch Stiftungen machten, damit nach ihrem Tode für ihr Seelenheil gebetet würde. Die meisten Grabplatten aus St.Johannis sind verloren, ein besonders bemerkenswertes Stück ist aber die für den jungen Peter Kern aus Lorch aus dem frühen 16.Jahrhundert, heute im Landesmuseum ausgestellt.

Am Vorabend der Reformation wurde das geistliche Leben durch Laien bereichert, die in Bruderschaften (es waren meist Handwerker und andere "geschäftsfähige" Männer) organisiert waren und die Sorge um ihr Seelenheil selbst mit in die Hand nahmen; auch an St.Johannis sind solche bezeugt.


In barocker Zeit
Im Jahre 1552 war das heimatlos gewordene Viktorstift aus Weisenau in die Johanniskirche eingewiesen worden und blieb dort offiziell bis zum Ende, d.h. bis zu den kriegerischen und revolutionären Ereignissen der 1790er Jahre, bzw. bis zum "Reichsdeputationshauptschluß" von 1803, bei dem die geistlichen Stifte per Gesetz aufgelöst wurden. Das Zusammenleben auf engem Raum war konfliktreich. Die Stiftsherren von St.Viktor wohnten zwar nicht in den Gebäuden bei St.Johannis, hielten aber in der Kirche ihre Gottesdienste, die durch die Brüder des Johannisstifts bisweilen gerne gestört wurden. Einige Räume, wie die Kapitelstuben, waren doppelt vorhanden - ebenso gab es zwei Orgeln - , aber manche liturgischen Geräte und Bücher wurden von beiden Stiften gemeinsam, d.h. abwechselnd benutzt. 1792 wurde die Kirche als Strohlager des französischen Militärs genutzt, 1793, bei der Belagerung durch die deutschen Truppen wie zahlreiche andere Gebäude der Stadt beschädigt und weiterhin bis 1828 zu militärischen Zwecken mißbraucht.

 Evangelische in Mainz
In den ersten Jahren von Luthers öffentlichem Wirken konnte sich auch in Mainz ein bescheidenes protestantisches Leben bilden. Kardinal Albrecht von Brandenburg duldete eine Zeit lang sogar die evangelischen Predigten von Wolfgang Capito im Dom selbst.

Als Albrecht sich - nicht zuletzt aus politischen und finanziellen Gründen - zum römischen Katholizismus bekannte, waren die Zeiten der Toleranz vorbei. Bis Ende des 18.Jahrhunderts konnten in Mainz offiziell keine evangelischen Gottesdienste gehalten werden.

Unter den letzten Kurfürsten kamen u.a. auf deren eigenes Betreiben aber viele Evangelische nach Mainz. Das napoleonische Regime gewährte allgemeine Religionsfreiheit; die Mainzer Gemeinde, die selbsorganisiert war und Lutheraner und Reformierte gleichermaßen umfaßte, bekam zunächst die Altmünsterkirche und später die Welschnonnenkirche zugewiesen. Erstere wurde von Napoleon als zu groß erachtet, aber die Welschnonnenkirche wurde schließlich zu klein.

1828 konnte die Gemeinde vom Militär die Johanniskirche übernehmen, mußte sie aber unter großen Kosten renovieren und für ihre Bedürfnisse einrichten; Geldspenden kamen u.a. vom preußischen König.

Bis zur Einweihung der Christuskirche 1905 war St.Johannis die einzige evangelische Kirche im damaligen Stadtgebiet. Organisatorisch gehörte die Gemeinde seit 1815 mit ganz Rheinhessen zur Kirchenverwaltung in der neuen Hauptstadt Darmstadt.


 Die Umbauten von 1830
Die Umbauten von 1830 und die damit verbundenen Verluste sind leider schlecht dokumentiert. An Bausubstanz gehen verloren: der Kreuzgang im Norden der Kirche und die Portalanlage des 18.Jahrhunderts, weil die Ostwand wegen Baufälligkeit neu aufgemauert werden muß. Die Anräume in den vermauerten Seitenschiffen werden zu verschiedenen Zwecken genutzt, zum Teil sogar vermietet.

Das übrige Gebäude: der ehemalige Ostchor mit dem neuen Zugang, das alte Langhaus sowie der gotische Westchor können ohne größere Renovierung übernommen werden. Selbst die barocken Dächer haben die Einschüsse von 1793 einigermaßen überstanden, können auch nach dem Einschuß einer Fiegerbombe 1918 repariert werden und verbrennen erst 1942 vollständig.

Der protestantische Predigtraum
Das Innere der Kirche im 19.Jahrhundert ist nur durch eine Ansicht dokumentiert: der Betrachter steht im Eingangsbereich, dem Ostchor des Hattobaus (unter der heutigen Orgelempore) und blickt durch den bis heute erhaltenen ehemaligen "Triumphbogen" in den Kirchenraum, der noch durch den zweiten großen Bogen des ursprünglichen Baus geteilt ist; dieser zweite, mittlere Bogen existiert heute nicht mehr, aber die kurzen Zungenmauern, auf denen er aufsaß, bestehen noch. Der dritte Bogen auf dieser Ansicht ist nicht der aus der Hattozeit (dieser fiel ja bei dem gotischen Neubau des Westchors weg), sondern ein Teil des Einbaus von 1830, mit dem der Westchor für den protestantischen Kultus hergerichtet wurde. Es handelt sich um einen Kanzelaltar mit Orgel, die nicht nur eine gestalterische Einheit bilden, sondern auch eine bedeutsame: der Altar, von dem das Abendmahl ausgeht, wird überfangen von den beiden Elementen des evangelischen Gottesdienstes: Verkündigung durch das Wort (die Predigt von der Kanzel) und Verkündigung durch die Musik, die Orgel. Die hölzernen Gewölbe des 17.Jahrhunderts überspannen noch immer das alte Langhaus, während die Emporen an den Seiten zeitgenössische Einbauten sind, um die Platzkapazität zu erhöhen. Wohl auch zum ersten mal hat die Kirche nun ein festes Gestühl für alle Gottesdienstbesucher erhalten, eine Errungenschaft der Reformation: nicht nur wohlhabende und dafür zahlende Christen sollen in der Kirche sitzen dürfen, sondern die ganze Gemeinde.

 St. Georg
Nachdem die bewegliche Ausstattung der Stiftskirche, die Altäre, das liturgische Gerät, die Glocken und die Orgeln nach 1793 verschwanden, zerstört, geplündert, verstreut wurden, blieb nur Weniges übrig, wie die Platte des gotischen Bonifatiusgrabes. Diese wurde von den Katholiken verständlicherweise für den Dom erbeten und dorthin überführt.

Im Gegenzug erhielten die Evangelischen ein gotisches Relief, ein skulptiertes Bogenfeld, das ursprünglich über einem Portal der alten Domdechanei angebracht war. In einer spitzbogigen Rahmung, umgeben von Laub- und Blütenranken, steht der Ritterheilige Georg in voller Rüstung. Neben ihm kniet der Stifter Otto von Rüdesheim, der trotz der Mitra kein Bischof, sondern Domdekan war. Man beachte die beiden Basilisken über dem Schild und dem Haupt des Dekans!


 Die Kirche im Jugendstil
Mit der Einweihung der Christuskirche 1905 war der Platzmangel in St.Johannis während der Gottesdienste behoben und man konnte an die dringend erforderliche Renovierung und gewünschte Modernisierung der Kirche gehen. Seit 1830 waren nur in den 1880er Jahren einige Arbeiten durchgeführt worden; damals hatten die Gottesdienste im Schloß stattgefunden.

Bei Beginn der Maßnahmen 1906 ging man ausgesprochen gründlich vor: sämtliche Einbauten nachmittelalterlicher Zeit wurden entfernt. Auf diese Weise konnte auch erstmals eine Bauuntersuchung durchgeführt werden, bei der die mittelalterliche Bausubstanz einigermaßen genau dokumentiert wurde; so konnte auch das hohe Alter der Kirche bestätigt und annähernd bestimmt werden.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Johanniskirche wurde ihre gesamte Gestaltung in die Hände eines Architekten von Rang gelegt. Friedrich Pützer, Architekturprofessor in Darmstadt, hatte sich in diesen Jahren zahlreiche öffentliche Bauten, insbesondere Kirchen einen Namen gemacht. Heute noch existierende Werke von ihm sind z.B. die Lutherkirche in Wiesbaden und die Lutherkirche in Worms. Rechtzeitig zum Reformationsfest 1907 konnte die die umgebaute und neugestaltete Johanniskirche eingeweiht werden.


 Die Umbauten des Architekten Pützer
Pützer läßt den vorgefundenen Bau im wesentlichen bestehen und beschränkt sich auf einen Neubau der Seitenschiffe, die weiterhin als Wohn-, Verwaltungs- und Gemeinderäume genutzt werden müssen. Einen großartigen Akzent setzt er aber mit einer neuen Portalanlage an der Stelle, wo sich ja schon seit 1738 der Zugang zur Kirche befindet. Dem mittelalterlichen Ursprung der Kirche gemäß verwendet Pützer Stilformen die nicht nur seiner eigenen Zeit, dem ausklingendem Jugendstil entstammen, sondern die sich auch aus historischen Vorbildern ableiten lassen: spätantik- byzantinisierende Ornamentik verbindet sich mit Zeitgenössischem zu einer originellen, wenngleich zeittypischen Formensprache. Die nach der Zerstörung im 2.Weltkrieg noch zahlreich vorhandenen Steinmetzarbeiten nach Pützers Entwürfen werden dem Zeitgeschmack der 50er Jahre zum Opfer fallen und radikal getilgt. Lediglich eine Bildhauerarbeit läßt die Generation des "Wiederaufbaus" gelten und bestehen: die Figur des Täufers, die in die Mitte des Jugendstilportals eingefügt war. Ihr Schöpfer ist August Varnesi, nach dessen Modell die Skulptur in Muschelkalk gehauen ist. Der stehende, leicht gebeugte Johannes ist eine hagere Gestalt, bärtig mit leicht geöffneten Mund. Seine Linke hat er an die Brust geführt, die Rechte hält eine Schale. Nur Unterleib und Oberschenkel sind mit einem Fell bekleidet, von den Schultern fällt ein bodenlanger Mantel über den Rücken, der die Figur hinterfängt und in die Wand einbindet. Varnesi zeigt einen ausgemergelten Mann eher mittleren als jüngeren Alters mit den Attributen, die in der Bibel genannt werden; es ist der "Rufer in der Wüste", der hier nicht in einer bestimmten Situation gezeigt wird - taufend oder predigend -, sondern alle seine Charakteristika und Funktionen vereint: Der geöffnete Mund scheint mahnende Worte zu sprechen, die Linke schlägt büßend an die Brust, die Rechte hält die Taufschale, das vernachlässigte Äußere unterstreicht seine Abkehr von den Eitelkeiten der Weltkinder.

 Die Ausstattung der Jugendstilkirche
Auch im Inneren mußte die vorgefundene Raumdisposition beibehalten werden, aber hier boten sich mehr Möglichkeiten zur Gestaltung der Ausstattung, die vollständig in Pützers Hand lag. Die künstlerischen Reformbewegungen des ausgehenden 19.Jahrhunderts hatten von der Gesellschaft und von den Künstlern ernsthafte Auseinandersetzung mit sämtlichen Erzeugnissen aus menschlicher Hand und industrieller Produktion gefordert; dem einfachen Gebrauchsgegenstand sollte die gleiche Aufmerksamkeit zu Teil werden wie dem autonomen Kunstwerk im traditionellen Sinne und beides sollte, wenn möglich, eine einheitliche Handschrift haben. So entwarf Pützer nicht nur die traditionellen architektonischen Stücke wie Kanzel, Gestühl und Türrahmungen, sondern kümmerte sich auch um Details wie Lampen und Türklinken.


 Die Altaranlage
Ende des 19.Jahrhunderts wurde in Wiesbaden Richtlinien für den protestantischen Kirchenbau im deutschsprachigen Raum entwickelt, das "Wiesbadener Programm". Darin wurden die Traditionen evangelischer Sakralbauten erneuert und mit den zeitgenössischen Erfordernissen in Einklang gebracht. Auch der Kanzelaltar mit Orgel wurde darin als wünschenswert für evangelische Kirchen angesehen; er kam insbesondere dem Jugendstil entgegen, der gerne verschiedene funktionelle Einheiten zu einer Gesamtgebilde zusammenfasste.

In St.Johannis entscheidet sich Pützer für eine wirkungsvolle Zweiteilung: der Abendmahlstisch steht vor dem Westchor, möglichst nah an der Gemeinde und wird von einer hohen Wand mit der giebelbekrönten Kanzel hinterfangen. Der Westchor wird nun fast zur Gänze von der Orgel eingenommen, die unvermittelt, ohne sichtbare Verbindung zun Boden, wie eine Erscheinung auftaucht; tagsüber von den seitlichen Chorfenstern erleuchtet, abends von dem damals oft noch als magisch empfundenen elektrischen Licht. Pützer hat das Instrument nicht in ein Gehäuse gezwängt, sondern, dem Zeitgeschmack folgend, eine "Freipfeifenprospekt" entworfen: die Orgelpfeifen sind als wirkungsvolle Gruppe arrangiert, bilden eine monumentale Raumplastik.


 In Trümmern
Der Einschlag einer Bombe 1918 erforderte eine Reparatur, die keine Spuren hinterließ. Im August 1942 hingegen brannte die Kirche nach einem Fliegerangriff fast vollständig aus und war dann der Witterung preisgegeben. Noch während und nach dem Kriege wurde mehrfach ihr Abriß erwogen. Unbegreiflicherweise wurde weder vor noch nach der Bombardierung irgendetwas aus der Kirche geborgen; selbst die Kirchenbücher sind verschollen. Die wenigen Photographien des Innenraums in der Gestalt nach 1907, die noch existieren, sollen am Tag vor der Zerstörung aufgenommen worden sein, eine unmittelbar danach. Erst 1949 wurde im ehemaligen südlichen Seitenschiff, dem heutigen Georgsaal, eine Notkirche eingerichtet.


 Karl Gruber
Von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, zu der auch das inzwischen rheinland-pfälzische Rheinhessen gehört, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Karl Gruber zum Landeskirchenbaumeister berufen und war damit - obwohl selbst katholisch - für eine Vielzahl von Wiederaufbauten evangelischer Kirchen verantwortlich. Nicht allen konnte er die gleiche Sorgfalt angedeihen lassen wie St.Johannis.

Gruber war wie Pützer, der zur Generation seiner Lehrer gehörte, Professor an der Technischen Hochschule in Darmstadt. Pützer konnte noch, im Sinne des späten Historismus, alle historischen Epochen und deren Stilformen schätzen und für sich nutzen. Anders ein Gruber: er hatte vor dem Ersten Weltkrieg zwar gelernt, Entwürfe in historischen Stilen zu machen, wurde dann aber zum Befürworter einer ästhetischen Revolution gegen diesen Pluralismus. Er fand vor allem im Mittelalter, insbesondere in der Romanik eine Formensprache, die seiner eigenen Zeit gemäß erschien, nicht durch Kopie, sondern durch Nachempfinden infolge gründlichen Studiums. Die Lust am Dekorativen, Freude an Farbigkeit und phantastischem Ornament waren seiner Generation verhasst. Gruber war also nicht der Vertreter einer radikalen, internationalen Moderne, sondern einer Richtung, die eine Verbindung von in ihren Augen guter historischer Architektur mit Zeitgemäßem anstrebte. Eine bedeutende mittelalterliche Kirche wie St.Johannis mußte sein besonderes Interesse finden. Schon vor dem Krieg hatte sich seine Phantasie an ihr entzündet. In Kenntnis des spätkarolingischen Ursprungs nahm er den alten Ostchor mit seinem charakteristischen Fenstermotiv als Ausgangspunkt für die Planung eines "Heiligen Bezirks", ob christlich oder nicht doch eher heidnisch, bleibt offen.

Wie für viele andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, insbesondere auch den für den Wiederaufbau verantwortlichen Architekten, war die Mitarbeit in leitenden Positionen im Nationalsozialismus auch für Gruber nach dem Krieg kein Hinderungsgrund für eine neue Karriere.


 Der Wiederaufbau
Gruber ließ die noch zahlreich vorhandenen Reste des Jugendstilumbaus radikal entfernen. Lediglich die Figur des Täufers mußte er, vielleicht auf Drängen der Gemeinde, übernehmen. Seine Absicht war die Wiederherstellung des mittelalterlichen Erscheinungsbildes der Kirche; er plante sogar die Neuaufrichtung des seit 700 Jahren verschwundenen Querhauses, was aus Geldmangel ebenso unterblieb wie eine befriedigende Bedachung des Westchors. Auch die Tieferlegung des Fußbodens in der Kirche auf das ursprüngliche Niveau mußte aus statischen Gründen aufgegeben werden.

Dennoch erscheint das Gebäude heute wieder als romanische Basilika mit hohem Langhaus, niedrigen Seitenschiffen, dem ungewöhnlichen Ostchor und dem gotischen Westchor, zumindest an drei Seiten frei von verstellenden Anbauten. (All dies wäre freilich auch unter teilweiser Beibehaltung der Pützer'schen Ergänzungen möglich gewesen.)

Wenn St.Johannis heutigen Betrachtern auf den ersten Blick als unscheinbare Nachkriegsarchitektur erscheint und erst dem Geduldigen und Aufgeschlossenen ihre gewachsene Struktur und Geschichtlichkeit offenbart, ist das durchaus im Sinne Grubers und seiner Zeitgenossen. Die Schlichtheit der Gestaltung, die Beschränkung auf wenige Materialien, Stein, Holz, Metal in solider handwerklicher Verarbeitung, Verzicht auf Buntheit - die Werkstoffe sollen durch sich, ihre natürliche Farbigkeit wirken - all dies ist nicht nur Bekenntnis zur Armut der Nachkriegszeit, die Heutigen oft ärmlich vorkommt, sondern erzeugt auch den Eindruck von Ruhe, Ernst, Feierlichkeit und ermöglicht Sammlung und Konzentration, wie es für sakrale Bauten seit jeher, nicht nur im Protestantismus immer wieder gefordert wird.


 Die neue Johanniskirche
Erstmals seit der Barockzeit werden durch Gruber die einzelnen Teilräume wieder zu einem großen einheitlichen Innenraum zusammengefasst, frei und wirkungsvoll ohne besonderen Schmuck. Das Tageslicht fällt ungehindert und nur schwach gefiltert durch das "Antikglas" der Fenster; selbst die historischen Fenster des Ostchors werden nach Jahrhunderten wieder geöffnet, ebenso das gotische Westfenster. Zwar bleiben die Seitenschiffe als Gemeinderäume vom Hauptschiff getrennt, aber die einst verbindenden Arkaden werden freigelegt und an der Stelle des Querhauses öffnen sich Anräume nach Norden und Süden. Sieben Stufen führen vom Kirchenschiff zum lichten Westchor mit dem Altarblock und dem umlaufenden Gestühl; sein eingestürtztes Gewölbe wird wieder eingezogen, der Schlußstein mit der Lutherrose und der Jahreszahl der Einwölbung versehen: MCMLII. Die Kanzel ist vom Chor aus zugänglich und findet südlich der Treppe vor dem gotischen Pfeilerbündel ihre Aufstellung. Das Material ist wiederum roter Mainsandstein, wie auch für den Altar, den gesamten Fußboden und den Taufstein nördlich der Treppe.

Der Hauptzugang zur Kirche bleibt im Osten durch eine niedrige Vorhalle unter der Empore, die Eingänge werden aber von der Front, an der die Straßenbahn hart vorbeigeht, an die Süd- und Nordseite verlegt. Zu Beginn der 60er Jahre wird auf der Empore die neue Orgel aufgestellt, deren Gestaltung Gruber ebenso überwacht wie die aller übrigen Details, hierin ist er ein Erbe seiner Lehrergeneration.

Der ehemalige Ostchor wird im Inneren nach oben mit einer flaches Holzdecke versehen. Ganz anders das Kirchenschiff: Gruber läßt es mit einer hölzernen Tonne überspannen, einer veritablen Zimmermannsarbeit. Ähnliche Holztonnen benutzt er oft beim Wiederaufbau historischer Kirchen, Vorbilder gibt es in vielen Regionen Europas. In St.Johannis erreicht er auf diese Weise zum ersten Mal seit dem Bau des Westchors im 14.Jahrhundert eine organische Verbindung von Chor und Langhaus, indem er den Querschnitt der Tonne an den Spitzbogen angleicht, diesen gleichsam in das Schiff hinein verlängert. Hier kommen dem Architekten seine bauhistorischen Kenntnisse und Vorlieben auf schönste Weise zu statten. Nicht zuletzt ist dieser monumentale Resonanzboden für die leicht trockene, aber tragende und stets gerühmte Akustik der Kirche mitverantwortlich.

Im September 1956 konnte die Johanniskirche wieder eingeweiht werden, mit den drei neuen Glocken, die zuvor schon auf dem Kirchentag geläutet hatten; die neue Orgel folgte 1961 nach.


Altes und neues Inventar
Außer den schon erwähnten Ausstattungsstücken (der Schrankenplatte, dem Bonifatius-Epitaph, dem Lektionar, dem gotischen Georgsrelief und dem Täufer von Varnesi) sind nur wenige weitere Objekte bekannt, die nachweislich oder wahrscheinlich aus St.Johannis stammen. Zu der Schrankenplatte wurde ein Pendant gefunden, das leider in der Kirche verblieb und dort erst nach dem Krieg verschollen ist. Spätgotische Grabplatten, ebenfalls in den Wänden als Baumaterial vermauert, blieben zum Teil dort, wo sie jedenfalls bestens geschützt sind. Ein barockes Grabmal aus schwarzem Lahnmarmor befindet sich wahrscheinlich im Depot des Landesmuseums.

Eine spätgotische Schutzmantelmadonna, angeblich aus St.Johannis, hat schon im frühen 19.Jahrhundert ihren Platz in der katholischen Pfarrkirche in Finthen gefunden. Von den übrigen zahlreichen Grabmälern, Altären mit Gemälden und Plastiken etc. sind meist nur schriftliche Nachrichten überliefert.

Nach dem ersten Weltkrieg wurde in der Vorhalle ein Kriegerdenkmal errichtet, dessen Mittelteil, der auferstandene Christus des Bildhauers Ludwig Lipp, heute den Altar in der Werktagskapelle im südlichen Querhaus schmückt. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde vor allem Wert darauf gelegt, daß sich die für den Kultus notwendigen Stücke, Kanzel, Taufstein und Altar, in das Gesamtbild der Kirche einfügen, sie wurden vom Architekten Karl Gruber selbst konzipiert.

Die Metallarbeiten, Lampen, Türbeschläge, Taufdeckel, aber auch das Altar- und Abendmahlsgerät schufen Hans und Gerda Philipp in ihrer Werkstatt in Biebesheim.

 

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